Nostalgie, Erwartungen und Sex and the city

Ich glaub ich werde alt.

Ich fange nämlich an nostalgisch zu werden.

So wie wohl jeder Teenager, habe ich früher nur mit den Augen rollen können, wenn meine Eltern mir ‚von früher‘ erzählt haben. Ich mein, wen interessiert denn was in der Steinzeit, also vor der eigenen Geburt, stattgefunden hat, richtig?!
Pffft!!!!

Und jetzt bin ich selber so eine olle Tante die sich schmachtend an die Geschichten ‚von damals‘ klammert. Schrecklich!

Prisonbreak Alltag!

Seit Wochen habe ich mich auf mein langes Wochenende bei einer guten Freundin in Hamburg gefreut. Sie ist Single, steht mitten im Berufsleben, geht feiern und muss sich nur um sich selbst kümmern. Für ein paar Tage wollte ich auch wieder so sein. Und ich hab mir alles so schön ausgemalt. Und es waren ja noch nicht einmal frei zusammengesponnene Fantasien. Es waren die Erfahrungen der Vergangenheit, die mich haben Erwartungen aufbauen lassen.

  • Wir pennen im selben Bett, weil wir uns ja so endlos viel zu erzählen haben.
  • Ich schlaf bis ich mich „wundgelegen“ habe.
  • Ich richte mich nur nach meiner inneren Uhr.
  • Ich schlendere stundenlang, kinderlos durch die Stadt.
  • Ich kann so viele Klamotten anprobieren wie ich will und soviel Windowshopping betreiben wie ich will, weil keiner quengelt.
  • Ich kann ins Kino gehen. In Ruhe. Und es ist kein animierter Pixarfilm.
  • Ich mache keine einzige ‚Mamaaufgabe‘! Dazu gehört auch und vor allem: kochen!
  • Ich erlaube mir abends auch mal nen zweiten oder sogar dritten Cocktail zu trinken, wenn ich will, schließlich kann ich ja morgen wieder schlafen bis ich mich wund liege.

Hach ja! Träumerei!

Und die Realität?

Na, wie ihr euch schon denken könnt, sah die Realität anders aus.

  • Wir schlafen nicht im selben Bett.
    Noch nicht mal in der selben Wohnung.
    Noch nicht mal im selben Stadtteil. Denn sie hat ne Katze, auf die ich urplötzlich allergisch bin. Ich bekomme keine Luft mehr. Meine Augen schwellen auf die Größe von Golfbällen. Wir überlegen ob wir zum Notarzt sollen. Ich entscheide mich dagegen – ich reiße mich jetzt einfach zusammen.
    Als aber am Morgen auch meine Lippen die Größe von Rettungsringen haben, aufzuplatzen beginnen und ich mein Herzrasen nicht mehr unter Kontrolle bekomme…. da buche ich mir ein Hotelzimmer. NEIN! Ich buche mir ein Einzelzimmer in einem Hostel, schließlich bin ja noch jung und hip und total flexibel und werde dort eh nur schlafen. Wozu also gutes Geld verschwenden?
  • Schlafen bis ich mich wund liege – oder auch nicht.
    Da dieses Hostelbett unter aller Kanone ist und im Flur die Leute laut sind und Türen knallen wird das nix mit schlafen – schon gar nichts mit „ausschlafen“. Und weil sie im Flur rauchen und das in mein Zimmer zieht. Scheiß Jugendliche! Wer hatte die Idee junge Leute zu erfinden? Die sind doch eh zu nix gut!
  • Ich richte mich aber immerhin noch nach meiner inneren Uhr.
    Leider hat die aber vergessen das ich „auf Ferien“ bin und klingelt gnadenlos um 6h15, obwohl ich kaum geschlafen habe. So liege ich also trotzig in meinem wackelndem Hostelbett und weigere mich aufzustehen…. bis sie vor meinem Zimmer wieder zu rauchen anfangen. Das wird mir dann zu eklig!
  • Ja, ich schlendere stundenlang, kinderlos durch die Stadt.
    Leider lustlos, übermüdet und lautstark asthmatisch.
    Was muss Hamburg auch immer so schiet Wetter haben? I hate you Petrus! Noch nicht mal die Elbphilharmonie willst du mir zeigen. Was aber auch nicht weiter schlimm ist, schließlich habe ich meine Kamera zu Hause vergessen.
  • Ich gehe Windowshoppen.
    Ich probiere ein paar Kleidungsstücke an. Schöne Teile. Leider nicht so schön an mir. Ich fange also an zu quengeln!
  • Ich gehe nicht ins Kino.
    Schaue dafür zwei Episoden einer neuen Serie (Fleabag) gemeinsam mit meiner single Freundin. Sie lacht sich scheckig – ich finde die Figur einfach nur unglaublich traurig und kaputt.
  • Meine Freundin lässt mich keine einzige ‚Mamaaufgabe‘ machen. Vor allem nicht kochen. Yaaay!
    Wir gehen also ins Restaurant und geben sehr gutes Geld für nettes Essen aus. Ich ertappe mich aber dabei wie ich den Koch innerlich kritisiere, weil … na, weil ich weiss wie er das noch besser hätte machen können. OK, sagen wir es doch wie es ist: ist ganz nett, aber ICH hätte das noch nen ganzen Tacken besser hinbekommen. Für nen Bruchteil des Geldes… aber man lässt mich hier ja nicht kochen! Argh!
  • Ich trinke keinen Cocktail.
    Noch nicht mal einen, denn ich bin ja voll bis oben hin mit Antihistaminen und Cortison. Dafür lasse ich aber mein neues Handy ins Restaurantklo fallen. HIP HIP HURRA!!!

Laune wie Hamburgs Wetter: mies.

Jetzt ist es Sonntagmorgen. Ich packe, mache mich auf den Weg zum Flughafen und habe Frühstück in ner Bäckerei auf dem Weg. Allein.
Ich ärger mich über meine Freundin, denn auf die gestrige Frage hin, ob wir vor meinem Abflug, noch zusammen auswärts frühstücken, kam nur ein entsetzter Blick, mit der Antwort: „Das ist vollkommen utopisch! Ich werde das nicht hinbekommen! Sonntagmorgen, nach einer Samstagnacht mit Feierei…?! Nee! Außer Du kommst hierher und bringst was vom Bäcker mit. Aus dem Bett werde ich es schaffen!“

Ja, nee! Hab ich nicht schon genug mitgemacht? Noch eine Ladung Atemnot, Kopfschmerzen, Schwellungen und Rötungen an diversen Körperstellen dank Katze und trotz Medikamenten will ich nicht. Alles was ich will, ist das du deinen verwöhnten kinderlosen Singlearsch 50m die Strasse runter ins Café bewegst. (Hab ich nicht laut gesagt. Nur gedacht!)

Erlösung Alltag!

So sitze ich also hier. Allein. Und kann es kaum Abwarten das der Flug geht und ich meine Piratenlieder singenden „Stinktiere“ wieder sehe. Das mein Mann und ich die Jazzmusik aufdrehen und lecker zusammen kochen.

Und nun fällt mir auf: vor 5Tagen wollte ich nur weg! Ein bisschen wie vor der Familiengründung leben. Ein bisschen in der Vergangenheit leben.
Aber das ist ja nicht gesund. Das geht schon über Nostalgie hinaus.
Es ist eins sich an ‚damals‘ zu erinnern. Ist ja Teil des eigenen Werdegangs und den soll man ja wertschätzen. Es ist was anderes in der Vergangenheit leben zu wollen.

Und meiner Freundin brauch ich auch nicht sauer sein. Sie war halt ehrlich und ist meine real-life-Version von Samantha von Sex and the City – und ich,… ich spiele eben nicht mehr in dieser Serie mit. Und will es offensichtlich auch gar nicht mehr.

Also war es vielleicht doch gar nicht so ein missratenes Wochenende.

Ich hab zwar nicht bekommen was ich wollte, aber genau das was ich gebraucht habe. Einen Realitätscheck.

Oh! Das Boarding geht los!

 

9 Comments
  • 10. Februar 2017

    Ich finde, dass ist ein schöner Beitrag, weil du trotz allem was schief gelaufen ist, etwas positives darin siehst! 🙂
    Ich wünsche dir einen guten Start in das Wochenende. 🙂

    Liebst,
    Any

  • 10. Februar 2017

    Ich überlege gerade ernsthaft, ob mein Mädelsausflug – wie lächerlich bei fast 40jährigen Mädels zu sagen – nach München besser war, als meine kinderlosen Single-Freundinnen um 22:00 Uhr ins Hotel wollten und ich als absolute Nicht-Biertinkerin total panisch noch ein Bier runtergestossen habe, aus Angst nicht schlafen zu können.

    Meine Mama meint immer, man wird nicht alt, man entwickelt sich nur weiter… Klingt besser, oder :-)? Toller Blöd, coole Schreibe BTW, glg Uli

      • 12. Februar 2017

        Das stimmt natürlich, als wir uns vor 25 Jahren kennen lernten, waren wir tatsächlich Mädchen und wir werden es eh immer bleiben 🙂 glg

  • 11. Februar 2017

    Oh nein, toller Blog, nicht toller Blöd

  • 6. März 2017

    Ach wie herrlich ehrlich geschrieben 🙂
    Ist doch immer so das man sich das wünscht was grad nicht ist und meint das sei so viel cooler und dann macht man es und stellt erstaunt fest, nö so cool ist das doch nicht mehr 😆
    Was dieses „früher war alles besser“ angeht, ich glaub ja das unsere Eltern uns das heimlich schon mit der Muttermilch eingetrichtert haben, damit wir jetzt merken das wir gar nicht so anders sind als sie 😉

    Liebe Grüße
    Aurelia

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